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Erkennen · 6 Minuten

Hilfe, mein Kind ist frech: 7 verkannte Anzeichen für Hochbegabung

Es diskutiert über die Jacke, zerlegt den Wecker, schläft nicht und findet jede Regel ungerecht. Frech, sagen die einen. Ich sage: Schau genauer hin.

Von Muriel · Zuerst erschienen auf momof4.ch, hier überarbeitet und erweitert

Kind zeichnet konzentriert

Wenn ein Kind auffällt, fällt es meistens negativ auf. Es widerspricht, es stört, es hört nicht, es will nicht ins Bett. Und weil «frech» die einfachste Erklärung ist, bleibt es oft dabei. Bei uns zu Hause war es jahrelang die Erklärung für alles. Bis mir jemand die Frage stellte, die alles drehte: Was, wenn das Kind nicht zu wenig kann, sondern zu viel?

Die sieben Verhaltensweisen in diesem Beitrag habe ich alle selbst erlebt, bei mehr als einem meiner vier Kinder. Keine davon beweist eine Hochbegabung. Aber wenn du beim Lesen mehrmals nickst, lohnt es sich, das Thema ernst zu nehmen.

1. Das Kind, das nie aufhört zu fragen

Warum ist der Himmel blau. Warum muss ich die Jacke anziehen, wenn mir nicht kalt ist. Warum gilt die Regel für mich und nicht für dich. Und auf jede Antwort ein neues Warum. Für Erwachsene ist das anstrengend, und in der Kita oder der Schule gilt das Kind schnell als Störfaktor.

Bei uns reichte eine vernünftige Erklärung nie. Jede Begründung wurde geprüft, hinterfragt, mit einer Gegenfrage beantwortet, auch beim Anziehen einer Jacke. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass das kein Machtkampf war, sondern echtes Interesse daran, wie die Welt funktioniert. Und ich habe gelernt, dass «Weil ich es so entschieden habe» eine zulässige Antwort ist, ohne dass ich mich persönlich angegriffen fühlen muss.

2. Das Kind, das alles auseinandernimmt

Der Wecker, die Fernbedienung, der Staubsauger. Manche Kinder wollen wissen, was drin ist, und sie hören nicht auf, bevor sie es wissen. Das sieht nach Zerstörung aus. Es ist Forschung. Fast jede Biografie eines Erfinders oder einer Wissenschaftlerin beginnt mit einem zerlegten Gerät.

Mein Kind baute aus einer PET-Flasche einen funktionierenden Vulkan und erklärte mir dabei, warum das Gas nach oben steigt. Ich hatte es nicht gefragt. Es wollte es einfach erklären.

3. Der Sturkopf

Wenn das Kind etwas will, gibt es nicht auf. Nicht nach dem ersten Nein, nicht nach dem fünften. Das nervt, und es ist gleichzeitig die Eigenschaft, die später Ausdauer heisst und ohne die niemand etwas Schwieriges zu Ende bringt.

Hinter dem Eigensinn steckt oft ein Ziel, das das Kind sieht und die Erwachsenen nicht. Die Kunst ist, das Ziel zu erfragen, statt den Widerstand zu brechen. Ich habe beides versucht. Nur das erste hat funktioniert.

4. Die frühe Sprache

Ganze Sätze mit einem Jahr. Wörter, die kein Zweijähriger kennen sollte. Ein Kind, das mit sieben Monaten beim Essen die Aussprache der Mutter in einer Fremdsprache korrigiert, und ja, das ist passiert. Frühe Sprache ist eines der wenigen Anzeichen, das Fachleute ernst nehmen, weil es schwer zu übersehen ist.

Mit fünf führte mein Kind auf Englisch Gespräche mit Kundschaft in meinem Büro. In der Primarschule schrieb es Krimis, die Erwachsene freiwillig zu Ende lasen. Heute spricht es drei Sprachen auf Muttersprachniveau. In der Schule galt es trotzdem als Kind, das nicht lernen kann. Das ist ein anderer Beitrag.

5. Alles früher

Sitzen, stehen, laufen, rennen. Mein Kind lief mit neun Monaten allein und mit zehn Monaten rannte es mir davon. Ich musste schnell sein, in jeder Hinsicht. Die körperliche Entwicklung ist nicht dasselbe wie die geistige, aber bei vielen hochbegabten Kindern läuft beides im selben Tempo: Sie wollen die Welt erkunden, und zwar jetzt.

Bei allen meinen Kindern galt: Mit sechs Monaten sassen sie sicher auf dem Rutschauto oder auf der Küchenkombination, und alles musste ausprobiert werden. Was die Grosseltern gefährlich fanden, war für die Kinder das Normalste der Welt.

6. Zu wenig Schlaf

Das Kind will nicht ins Bett. Nicht aus Trotz, sondern weil der Tag noch nicht fertig ist: Es gibt noch ein Buch, noch eine Frage, noch etwas zu bauen. Bei uns ging Einschlafen jahrelang nur mit einem Tuch über dem Kopf und einer Rückenmassage. Der Kopf schaltete nicht ab.

Was geholfen hat, war kein Kampf um die Uhrzeit, sondern ein Kompromiss: eine ruhige Zeit vor dem Schlafen, in der gelesen, gezeichnet oder gebaut werden darf, ohne dass es die Nacht verkürzt. Der Wissensdurst braucht ein Ventil, sonst sucht er sich eines um elf Uhr nachts.

7. Das Herz am rechten Fleck

Jeder bekommt gleich viel. Wer weniger hat, bekommt vom eigenen Teller. Und wer selbst zu kurz kommt, macht einen Aufstand, der in keinem Verhältnis zum Anlass steht. Ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn gehört zu den zuverlässigsten Anzeichen, und er ist derjenige, der am häufigsten als Streitsucht missverstanden wird.

Dieses Kind widerspricht Erwachsenen, wenn eine Regel unlogisch ist. Es empört sich über Ungleichbehandlung anderer Kinder. In der Schule wird daraus ein Verhaltensthema. Dabei ist es frühes abstraktes Denken, angewendet auf Moral.

Was das alles bedeutet

Ein Kind ist mehr als sein Verhalten. Hinter jedem dieser sieben Punkte kann ein hohes intellektuelles Potenzial stehen, das im Alltag einfach unbequem aussieht. Die Frage ist nicht, ob das Kind frech ist. Die Frage ist, was es braucht, damit das, was da drin ist, nicht als Störung endet.

Wenn du beim Lesen mehrmals genickt hast: Die Checkliste mit sieben unterschätzten Anzeichen geht einen Schritt weiter, mit Kästchen zum Anhaken und einer Einordnung am Schluss. Und der 2-Minuten-Test geht 25 Merkmale nach dem Alter deines Kindes durch. Beides kostenlos. Wie es bei uns weiterging, steht hier.

Checkliste: 7 unterschätzte Anzeichen

Zum Anhaken, mit Einordnung, als PDF zum Mitnehmen.

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