Wie eine Abklärung abläuft – und wie dein Kind sie nicht zu dumm findet
Mein ältestes Kind hat seinen ersten IQ-Test mit acht Jahren absichtlich falsch gemacht, weil es die Aufgaben beleidigend fand. Das Ergebnis lag trotzdem hoch. Einen Punkt unter der Grenze. Hier steht alles, was ich damals gern gewusst hätte.
Von Muriel · Schweiz, mit Hinweisen für Deutschland und Österreich
«Abklärung» klingt nach etwas, das mit einem Kind gemacht wird. Tatsächlich ist es ein Vormittag mit Rätseln, ein paar Gespräche und ein Bericht. Nichts davon ist schlimm. Schlimm ist nur, was man daraus macht, oder eben nicht. Dieser Beitrag geht den Weg einmal durch, von der Frage «lohnt sich das?» bis zum Gespräch mit der Schule danach.
Wann eine Abklärung sinnvoll ist, und wann nicht
Eine Abklärung braucht es nicht, um zu wissen, dass dein Kind klug ist. Das weisst du schon. Sie braucht es, wenn eine konkrete Frage im Raum steht, die ohne Zahl nicht beantwortet wird: Soll das Kind eine Klasse überspringen? Bekommt es einen Platz in der Begabtenförderung? Ist das Verhalten in der Schule Unterforderung oder etwas anderes? Warum sind die Noten schlecht, obwohl das Kind offensichtlich mehr kann? Für jede dieser Fragen ist der Bericht ein Werkzeug. Ohne Frage ist er ein Papier im Ordner.
Das Alter: Ab etwa fünf, sechs Jahren sind die Ergebnisse einigermassen stabil. Vorher lassen sich Kinder testen, aber die Werte schwanken stark, und die meisten Fachstellen raten davon ab, wenn kein dringender Grund vorliegt. Der häufigste sinnvolle Zeitpunkt ist die erste oder zweite Klasse, wenn sich zeigt, wie das Kind mit der Schule zurechtkommt. Bei uns war es die zweite Klasse, und der Anlass war nicht die Begabung, sondern die Langeweile.
Und ein Gedanke, den ich Eltern mitgebe: Eine Abklärung ist nicht das Etikett «hochbegabt». Sie ist ein Profil. Wo ist das Kind stark, wo durchschnittlich, wo liegt etwas quer. Das Profil hilft auch dann, wenn am Ende keine 130 steht.
Zwei Wege: Schulpsychologischer Dienst oder private Praxis
In der Schweiz führt der eine Weg über den Schulpsychologischen Dienst deines Kantons, kurz SPD. Anmelden können die Eltern selbst oder die Schule; meistens läuft es über die Lehrperson, weil der SPD an die Schule angebunden ist. Es kostet nichts. Das Verfahren beginnt mit einem Gespräch, dann folgt die Anmeldung mit Formular, dann die Testung. Rechne mit Wartezeiten von Wochen bis Monaten, je nach Kanton und Jahreszeit; im Kanton Zug zum Beispiel sollen Anmeldungen bis Ende März eingehen, damit vor den Sommerferien etwas passiert.
Der grosse Vorteil des SPD: Der Bericht geht an die Schule, und die Schule muss damit arbeiten. Wenn dort steht, dass ein Kind Förderung braucht, hat das Gewicht. Der Nachteil: Die Frage des SPD ist eine Schulfrage. Er klärt ab, was die Schule wissen muss, nicht unbedingt alles, was du als Mutter oder Vater wissen willst.
Der andere Weg ist eine private Praxis, eine Psychologin oder ein Psychologe mit Erfahrung in Begabungsdiagnostik. Adressen findest du über die Stiftung für hochbegabte Kinder oder das Netzwerk Begabungsförderung, beide auf meiner Anlaufstellen-Seite. Das geht schneller, ist ausführlicher, und der Bericht gehört dir: Du entscheidest, wem du ihn zeigst. Der Preis dafür ist ein Preis. Je nach Praxis und Umfang liegt eine Abklärung zwischen etwa 800 und 2'400 Franken; eine reine Intelligenztestung mit Kurzbericht ist am unteren Ende, eine ganze Abklärung mit mehreren Terminen, Anamnese, Beratungsgespräch und ausführlichem Bericht am oberen. Die Grundversicherung zahlt nur, wenn ein Arzt die Abklärung verordnet, und das tut er in der Regel nicht wegen Begabung, sondern wegen eines Problems. Manche Zusatzversicherungen beteiligen sich; vorher nachfragen lohnt sich.
Meine Empfehlung, wenn du wählen kannst: SPD, wenn es um die Schule geht und du Zeit hast. Privat, wenn die Schule blockiert, wenn du schnell Klarheit brauchst oder wenn du mehr wissen willst als «über oder unter 130».
Was genau passiert
Eine Abklärung hat drei Teile, egal wo du sie machst.
Das Erstgespräch. Du erzählst, warum du da bist, wie das Kind sich entwickelt hat, wie es zu Hause und in der Schule läuft. Oft bekommst du vorher einen Fragebogen zur Entwicklung, manchmal auch einen für die Lehrperson. Das ist der Teil, für den du dich vorbereiten kannst, dazu unten mehr.
Die Testung. Das Kind arbeitet allein mit der Fachperson, ohne Eltern im Raum. Ein bis drei Stunden, bei kleineren Kindern auf zwei Termine verteilt. Die Aufgaben sind Rätsel: Muster ergänzen, Zahlen nachsprechen, Wörter erklären, Bilder ordnen, Würfel nach Vorlage legen, unter Zeitdruck Symbole abhaken. Die gängigen Verfahren heissen WISC-V (sechs bis sechzehn Jahre), IDS-2 (fünf bis zwanzig), für Kleine WPPSI-IV oder K-ABC II, und für Kinder mit wenig Deutsch gibt es sprachfreie Tests wie den SON-R oder den CFT 20-R. Welcher Test, entscheidet die Fachperson; du musst das nicht wissen. Wissen solltest du nur: Ein guter Test misst nicht Wissen, sondern Denken, und er hat immer mehrere Teile.
Das Rückmeldegespräch. Ein bis zwei Wochen später, mit dir, meist ohne Kind. Du bekommst die Werte erklärt, das Profil, die Empfehlungen, und dann den schriftlichen Bericht. Lies ihn zweimal. Beim ersten Mal siehst du nur die Zahl. Beim zweiten Mal siehst du das, was zählt.
Was die Zahl bedeutet, und was nicht
Hochbegabung beginnt per Definition bei einem IQ von 130. Das sind die obersten zwei bis drei Prozent. Die Zahl ist ein Schnitt aus mehreren Bereichen, meistens Sprachverständnis, logisches Denken, räumliches Denken, Arbeitsgedächtnis und Verarbeitungsgeschwindigkeit. Und hier wird es interessant: Bei vielen Kindern, die in der Schule auffallen, sind die Denkbereiche sehr hoch und die Verarbeitungsgeschwindigkeit deutlich tiefer. Der Gesamtwert wird dadurch nach unten gezogen. Das Kind denkt schnell und arbeitet langsam, oder genauer: Es hat gelernt, sich zu bremsen.
Bei meinem Kind war genau das die Auffälligkeit in beiden Tests, mit acht und nochmals in der Sekundarschule. Die Begabung war überall. Die Verarbeitungsgeschwindigkeit sank von Test zu Test. Von aussen sah das aus wie ein Aufmerksamkeitsproblem. Erst als Erwachsener, ohne Schule im Nacken, kam beim dritten Test ein Wert heraus, der weit über allem lag, was je gemessen worden war.
Deshalb drei Sätze, die du dir merken kannst. Erstens: Die Tagesform kann ein Ergebnis nach unten drücken, aber nicht nach oben. Ein hoher Wert ist echt, ein tiefer ist vielleicht keiner. Zweitens: Das Profil ist wichtiger als der Gesamtwert. Frag im Gespräch nach den einzelnen Bereichen und nach der Differenz zwischen ihnen. Drittens: Die Grenze von 130 ist eine Vereinbarung, kein Naturgesetz. Ein Kind mit 128 hat exakt dieselben Bedürfnisse wie eines mit 131, nur keinen Anspruch auf den Förderplatz.
Wie du dein Kind vorbereitest, und der Fehler, den ich gemacht habe
Ich habe meinem Kind damals gesagt, es gehe zu einer netten Frau, die mit ihm spiele. Das war gut gemeint und falsch. Mein Kind kam in einen Raum, bekam Formen, die es in gleiche Formen legen sollte, und fand das so unter seiner Würde, dass es beschloss, die Aufgabe interessanter zu machen: Es legte alle Formen überall hin, wo sie Platz hatten, weil sie ja passten. Es war nicht überfordert. Es war beleidigt. Und es hatte keine Ahnung, dass an diesem Vormittag etwas hing.
Was ich heute sagen würde, in etwa so: «Du gehst zu jemandem, der herausfinden will, wie dein Kopf arbeitet. Die Aufgaben fangen leicht an und werden schwerer, das ist so gemacht, damit alle Kinder mitkommen. Manche werden dir zu einfach oder zu blöd vorkommen. Mach sie trotzdem so genau, wie du kannst, denn erst danach kommen die, die dich interessieren. Es gibt kein Bestehen und kein Durchfallen.» Das ist ehrlich, es nimmt den Druck, und es verhindert, dass ein Kind mit hohem Gerechtigkeitssinn den Test boykottiert, weil es sich nicht ernst genommen fühlt.
Dazu das Praktische: ausgeschlafen, gefrühstückt, kein Termin danach. Nicht üben, es gibt nichts zu üben, und ein geübter Test ist ein falscher Test. Das Wort «Test» darfst du benutzen, aber nicht «Prüfung». Und sag dem Kind nach dem Termin nicht «Und, wie war's gelaufen?», sondern «War etwas dabei, das dir Spass gemacht hat?». Es merkt sonst, dass du auf eine Zahl wartest.
Was du mitbringst
Die Fachperson sieht dein Kind zwei Stunden. Du siehst es seit Jahren. Was du weisst, ist mehr wert als jede Vermutung, aber nur, wenn du es konkret machst. Sammle in den Wochen vor dem Termin Beispiele: Datum, Situation, was das Kind genau gesagt oder getan hat. Nicht «es ist so neugierig», sondern «hat mit fünf gefragt, ob die Zeit auch rückwärts gehen kann, und wollte eine richtige Antwort». Bring Zeugnisse mit, wenn es welche gibt, und Zeichnungen, Geschichten, Bauwerke, was das Kind von sich aus macht. Und schreib dir deine drei wichtigsten Fragen auf. Im Gespräch vergisst man sie.
Danach: der Bericht ist ein Werkzeug
Mit dem Bericht in der Hand suchst du das Gespräch mit der Schule. Nicht als Konfrontation, sondern mit einer Frage: «Was können wir jetzt konkret anders machen?» Die Antworten reichen von Zusatzaufgaben über Pull-out-Programme, in denen das Kind einige Stunden pro Woche mit anderen begabten Kindern arbeitet, bis zum Überspringen einer Klasse. Was es davon gibt, hängt vom Kanton, von der Gemeinde und von der einzelnen Lehrperson ab. In vielen Kantonen gibt es die Begabtenförderung nur in der Primarschule. Was danach kommt, ist ein eigener Beitrag.
Wenn das Ergebnis unter der Grenze liegt und du trotzdem sicher bist: Lass dich nicht abwimmeln. Frag nach dem Profil. Frag, ob die Verarbeitungsgeschwindigkeit den Wert gedrückt hat. Frag, was das Kind trotzdem braucht. Bei uns ging es um einen Punkt, und dieser Punkt hat Jahre gekostet, nicht weil das Kind sich verändert hätte, sondern weil niemand mehr hinschauen musste.
Deutschland und Österreich, kurz
In Deutschland gibt es in jedem Bundesland schulpsychologische Beratungsstellen, kostenlos, meist mit langen Wartezeiten, und die Erziehungsberatungsstellen der Städte und Kirchen, ebenfalls kostenlos. Privat testen Kinder- und Jugendpsychologinnen und spezialisierte Praxen; eine Intelligenztestung mit Kurzprotokoll kostet etwa 300 bis 600 Euro, ein ausführliches Gutachten mehr. Die Krankenkasse zahlt nur bei medizinischem Anlass über den Kinder- und Jugendpsychiater. Beratungsstellen, die sich auskennen, findest du über die DGhK und das Fachportal der Karg-Stiftung. In Österreich ist die Schulpsychologie des Bundes kostenlos und über die Schule oder direkt erreichbar; private Abklärungen kosten ähnlich wie in Deutschland. Das ÖZBF hat gute Elterninformationen dazu. Alle Adressen stehen auf der Anlaufstellen-Seite.
Kurz gesagt
Abklären, wenn eine Frage im Raum steht, nicht für ein Etikett. SPD, wenn es um die Schule geht und du warten kannst, privat, wenn nicht. Dem Kind ehrlich sagen, worum es geht, damit es die leichten Aufgaben nicht boykottiert. Beispiele sammeln, Fragen aufschreiben, den Bericht zweimal lesen und dann damit zur Schule gehen. Und die Zahl ist nicht das Kind.
Wenn du noch nicht weisst, ob eine Abklärung überhaupt das Thema ist: Die Checkliste mit sieben unterschätzten Anzeichen und der 2-Minuten-Test helfen bei der Frage davor. Und wenn du mittendrin steckst und eine Frage hast, die hier fehlt: Schreib mir.
